Infektionskrankheiten und Gentechnik
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Datum: 19.10.1999
Quelle: idw
Pressestelle: Universität Ulm

Infektionskrankheiten und Gentechnik


Nukleinsäure statt Nährbouillon
Mit Gentechnik gegen Infektionskrankheiten

Infektionskrankheiten, noch vor Jahren als überwunden betrachtet, sind wieder auf dem Vormarsch. Neue Erregertypen treten auf den Plan, und bewährte Antibiotikawaffen erweisen sich als stumpf. Neue Abwehrmöglichkeiten werden von gentechnischen Verfahren eröffnet.

Für die Renaissance der Infektionen als medizinischer Problematik gibt es verschiedene Gründe. Einer davon ist die verstärkte Resistenzentwicklung bei den Krankheitserregern. Sie wird auf den massiven Einsatz von Antibiotika nicht zuletzt in der Tiermast zurückgeführt. In anderen Fällen sind nicht die Erreger mutiert, sondern erwachsen die medizinischen Herausforderungen aus den Begleitumständen. So erweisen sich normalerweise harmlose Erreger zum Beispiel für Transplantatempfänger als hochgefährlich. Schließlich werden auch neue Erregertypen entdeckt oder lange bekannte Krankheiten, für die keine Infektionsursache angenommen wurde, mit Erregern in Verbindung gebracht. Das ist im Fall des Helicobacter pylori geschehen, der seit einiger Zeit für eine Reihe von Magenerkrankungen verantwortlich gemacht wird.

Über den aktuellen Stand der Entwicklungen auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten und ihrer Bekämpfung berichteten Wissenschaftler des Forschungsverbundes Grundlagen Gentechnischer Verfahren (FORGEN) und der Universität Ulm im Rahmen eines Fortbildungsforums des Verbandes Deutscher Biologen e. V. (vdbiol) »Infektionskrankheiten - Neue Zugänge durch Gentechnik« am 14. Oktober 1999 in der Universität Ulm. Die Tagungsorganisation lag in den Händen von Prof. Dr. Reinhard Marre, Ärztlichem Direktor der Abteilung Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Ulm.

Dem Angriff der wiedererstarkten oder neuerkannten Erreger kann die Medizin verbesserte Kampfstrategien entgegensetzen. Der Schlüssel zu neuen Abwehrkonzepten liegt auch hier in der Gentechnik. An die Stelle von Mikroskop, Antikörper und Nährbouillon tritt bei der Erregeridentifikation zunehmend die DNS-basierte Aufklärung. Damit läßt sich nicht nur der Nachweis beschleunigen. Die molekularbiologischen Methoden ermöglichen es zudem, das pathogene Genrepertoire der Mikroorganismen und die krankheitsverursachenden Wirkungsmechanismen im Detail aufzuklären.

In Kenntnis dieser Mechanismen eröffnen sich der Medizin zugleich neue Aspekte für die Erregerbekämpfung auf gentechnologischer Grundlage. Man weiß heute zum Beispiel, daß sich Bakterien in Ruhestellung begeben, ihr Wachstum, ihre Vermehrung unterbrechen können, wenn im befallenen Wirtsgewebe keine ausreichende Versorgung mit Nährstoffen gewährleistet ist. Die Parole zu dieser kollektiven Quieszenz verkörpert ein spezifischer, zwischen den Mikroorganismen ausgetauschter Botenstoff. An nichtwachsenden Bakterien prallt der antibiotische Angriff ab. Kennt man nun aber die Wege der interbakteriellen Nachrichtenübermittlung, dann erschließt sich die Möglichkeit, diese Kommunikation durch geeignete Substanzen zu stören. Solche Antikommunikativa erweitern das Spektrum der antiinfektiven Medikamente. An die Stelle des Paradigmas von Versuch und Irrtum bei der Erregerbekämpfung tritt zunehmend der zielgenauere Angriff auf Elemente der krankheitsverursachenden Kausalkette. Die Medikamente zeichnen sich durch höhere Spezifität aus.

Zu dem Ulmer Fortbildungsforum waren insbesondere Lehrkräfte der Biologie an Gymnasien und Schülerinnen und Schüler aus Oberstufenkursen eingeladen. Kein Zweifel besteht bei den Experten, daß es erforderlich ist, die Molekularbiologie im gymnasialen Biologieunterricht stärker zur Geltung zu bringen. Nach den Übersichtsvorträgen zu Themen der molekularen Infektionsbiologie wurden deshalb in Ulm auch Konzepte vorgestellt, wie die Molekularbiologie experimentell im modernen Biologieunterricht dargeboten werden kann. Pionierarbeit leistet insoweit die Ulmer Abteilung Mikrobiologie und Biotechnologie (Leiter Prof. Dr. Peter Dürre). Unter Beteiligung von zehn Gymnasien in der Region und einschlägigen Unternehmen hat sie eine Plattform gebildet, deren Ziel es ist, den naturwissenschaftlichen Unterricht in den Gymnasien weiterzuentwickeln, eine kontinuierliche Lehrerfortbildung sicherzustellen und die Schüler an die Thematik und deren praktische industrielle Umsetzung heranzuführen. Damit das Programm Erfolg hat, ist freilich mehr erforderlich als guter Wille und Engagement. Dr. Erhard Stupperich, der das Ulmer »Netzwerk Universität, Gymnasien, Industrie« betreut, nennt eine Summe von DM 100.000,- pro Gymnasium für die technische Ausstattung als Voraussetzung für einen effektiven molekularbiologischen Unterricht.

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letztes Update: 19.01.2020
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